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Res Publica oder geheime Tempelwissenschaft?

"Lernen sie Geschichte", ist eine legendäre Aufforderung Bruno Kreiskys. Doch im Gegenzug dazu könnte die Politik aus der Geschichte der Mathematik einiges lernen.

Res Publica oder geheime Tempelwissenschaft?

In der Wissenschaft hat sich das System durchgesetzt: wer eine neue Theorie aufstellt, publiziert sie, damit sie von der restlichen Fachwelt kritisiert werden kann. Erst die kritische Hinterfragung kann die neue Theorie festigen, oder, sollte sie zu Recht falsifiziert werden, zu Fall bringen. Gerade im möglichst raschen zu Fall bringen liegt die Qualität, dass Irrwege schnell wieder verlassen und korrigiert werden können.

Ein kurzer Blick auf die Geschichte der Mathematik zeigt, dass es Phasen rasanter mathematischer Entwicklung und dann wieder solche, die durch Stagnation gekennzeichnet waren, gegeben hat. Im antiken Griechenland beispielsweise florierte die Mathematik. In der Zeit von rund 600 bis 200 v. Chr. existierten Schulen, was zu dieser Zeit keinesfalls selbstverständlich war. Es wurde das erarbeitete Wissen niedergeschrieben und überliefert und somit auch dauerhaft bewahrt. Bis heute sind uns Namen wie Pythagoras, Aristoteles oder Ptolemäus ein Begriff, um nur einige von vielen zu nennen.

Geheime Tempelwissenschaft

Die Mathematik erfuhr später auch anderenorts Blütezeiten, so sind auch aus Indien oder China zahlreiche Errungenschaften bekannt. Unser heutiges Zahlensystem und auch die Einführung der Ziffer 0 haben ihren Ursprung in Indien. In China erlebte die Mathematik im 13. Jht.n.Chr. ihre bedeutendste Phase, Lösungsverfahren für hochkomplexe Gleichungssysteme sind überliefert.

Danach, um 1600, werden mathematische Kenntnisse in Japan aufgegriffen, wo sie sich allerdings kaum entfalten konnten, neue Entwicklungen sind eher wenige überliefert. Doch dies liegt nicht an den geringeren mathematischen Fähigkeiten der Japaner, sondern schlicht daran, dass die Mathematik in Japan als geheime Tempelwissenschaft betrieben wurde. Das Wissen wurde hinter verschlossenen Türen angesammelt, ein durch gegenseitige geistige Befruchtung geprägter kollektiver Lernprozess blieb weitgehend aus.

Die öffentliche Sache

Aus unserer heutigen Welt nicht mehr wegzudenken ist die Staatsform Republik, von lat. "res publica", zu Deutsch: "die öffentliche Sache". Eine Staatsform, in der das Gemeinwohl und das Gemeinwesen im Vordergrund stehen, und das Staatsvolk höchste Macht des Staates und oberste Quelle der Legitimität ist. Doch in der Praxis zeigt sich, dass es schwierig ist, politische Abläufe und Entscheidungsprozesse als "öffentlichen Sache" zu führen.

Dies wird auch in Korneuburg sichtbar, wo die Vorgänge rund um die zurzeit laufende Syntegration medial hohe Wellen geschlagen haben. Interessierte Bürgerinnen haben öffentlich Fragen zum Syntegrationsprozess gestellt. Konkrete Antworten sind großteils ausgeblieben, und sollen, wenn es nach der amtierenden Politik geht, teils lieber keine "öffentliche Sache" sein.

Kommunikationsprobleme

Manche Bürgerinnen, die sich am öffentlichen Fragenstellen beteiligt haben, wurden von politischen Vertretern zu Gesprächen eingeladen, und soweit dies bekannt ist, wurden die Einladungen auch angenommen. Dies ist natürlich grundsätzlich ein positives Zeichen, wenn politische VertreterInnen den Kontakt zu den BürgerInnen suchen, doch eine "öffentliche Sache" sind Einzelgespräche natürlich keinesfalls. Vielmehr vermittelt dies auch den Eindruck, dass aufbrodelnde Fragen eher lokal gelöscht werden sollen und dass allzu tiefgehende Diskussionen über inhaltliche Details nicht öffentlich geführt werden sollen.

Zu welchen Kommunikationsformen greift die Politik selbst? Ein Blick in die vorhandenen Kommunikationskanäle zeigt, dass man dem Volk scheinbar nicht viel zutraut. In der Stadtzeitung wird einem bilderreichen Jahresrückblick der meiste Platz eingeräumt, die Meldungen auf der Stadthomepage sind fast ausschließlich Positivmeldungen ohne viel Hintergrundinformation, schon gar nicht im Sinne einer Pro- und Kontradebatte, sodass sich LeserInnen ihre eigene Meinung bilden könnten und vielleicht sinnvolle Kritik liefern könnten. Dass dann obendrein populistischen Aktionen ergriffen werden, etwa das Ausschenken von Suppe, um dem Volk zu vermitteln, dass wir nun jene Suppe auszulöffeln hätten, die die vorige Stadtregierung uns eingebrockt hätte, lässt natürlich jeden produktiven Ansatz vermissen.

Verantwortung der BürgerInnen

Nun kann man den Spieß allerdings auch umdrehen, denn es ist nicht nur die hohe Politik, die den Informationsfluss bremst und inhaltsleer kommunizieren möchte, sondern es gibt auch Anzeichen dafür, dass eine breite Masse an BürgerInnen nicht gerade darauf brennt, an Informationen zu kommen, bzw. sich von einem billigen Populismus "abspeisen" lässt. Und mit detaillierter Hintergrundinformation muss auch erst richtig umgegangen werden können.

Vielen BürgerInnen scheint es wenig wert zu sein, sich über die politischen Abläufe zu informieren. Anders wäre es nicht zu erklären, dass es sich für politische Parteien scheinbar kaum lohnt, auf Fakten und Details in den Parteimedien zu setzen. Umgekehrt zeigt es eine Großpartei vor, dass man auf der Homepage lieber Kinder beim Aufforsten und Einladungen zum gemeinsamen Anschauen von Schirennen zeigt, weil man das dem Volk eben besser verkaufen kann, oder andersrum ausgedrückt, weil sich das das Volk eher andrehen lässt!

Offene Diskussionskultur

Somit liegt die Pflicht, aus der Politik eine "öffentliche Sache" im eigentlichen Sinne der Republik zu machen, nicht allein bei den PolitikerInnen, sondern auch bei jeder einzelnen Mitbürgerin und bei jedem einzelnen Mitbürger. Kritisches Betrachten und Hinterfragen sollte geübte Praxis werden, Schlechtmachen aus Prinzipiendenken hingegen verpönt und aus dem politischen Alltag verwiesen werden.

Das setzt voraus, dass die PolitikerInnen mit offenen Karten spielen und die BürgerInnen die gebotenen Hintergrundinformationen kritisch und verantwortungsvoll aufnehmen. Schließlich wäre von einer Politik, die auf einer offenen Diskussionskultur und einem regen Informationsfluss basiert, am ehesten zu erwarten, dass sich unsere Gesellschaft weiterentwickeln und die zukünftigen Herausforderungen am besten meistert kann. Ziel der Politik sollte es sein, möglichst nachhaltige Entwicklungen zustande zu bringen. Und eines wäre dabei zu beachten: die japanische Mathematik ist heute zu Recht niemandem mehr ein Begriff!

Weiterführendes

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Text und Artikel-Illustrationen: Richard Stawa
Titelphoto: René C. Kiesler

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